Donnerstag, 11.03.21
Alter: 62 Tage
Kategorie: Allgemeines

Zeitung macht Schule

Ein aktuelles und kontrovers diskutiertes Thema griff Frau Kwirant in ihrem Deutschunterricht auf. Im Rahmen des Zeitungsprojekts interviewte die 8a zwei junge Umwelt-Aktivistinnen aus Bielefeld zu ihrem Engagement und insbesondere zu ihrer Teilnahme an einer Baumbesetzung in Halle im Februar 2021.


8a:  Warum habt Ihr angefangen zu protestieren?

Lea (Studentin, 20 J.).: Ich hab schon immer den Drang gehabt, meine Meinung zu äußern, laut zu werden, mich für mehr Gerechtigkeit einzusetzen. So beispielsweise für die Wahl und Umsetzung klimaneutraler Wege und umweltfreundlicher Alternativen. Ich möchte nicht nur lesen und reden, sondern etwas tun.

Sophie (Studentin, 21 J.).: Ich wurde von meinen Eltern schon als Kind zu Demonstrationen mitgenommen, das hat mich schon ein bisschen in diese Richtung gebracht.

8a :  Habt ihr schonmal bei anderen Aktionen mitgemacht?

S.: Ja, bei anderen Aktionen, die sich für die Rettung des Klimas einsetzen, z.B. haben wir uns in Bielefeld mit einem Strick um den Hals auf große Eiswürfel gestellt. Die sollten das Wegschmelzen der Pole und die große Gefahr für uns symbolisieren. Wenn diese wegschmelzen, hängen wir am Galgen.

8a:    Was motiviert euch? Was ermutigt euch?

L.: Es ist toll, sich mit Gleichgesinnten zusammen für etwas Gutes einzusetzen. Wir erleben ein wunderbares Gruppengefühl mit respektvollem, liebevollem Umgang untereinander, und das Gefühl und die Freude am Ende einer Aktion sind überwältigend.

Außerdem macht es Spaß, kreativ zu sein und mit außergewöhnlichen Aktionen Medien- und Presse- Aufmerksamkeit zu generieren. Wir erhalten auch viel Zuspruch und Unterstützung von Menschen jedes Alters, kommen ins Gespräch, erleben viele Begegnungen, die einfach wunderbar sind. Das war auch bei der Steinhausener Wald- und Baumbesetzung so.

8a:  Erlebt ihr auch negative Reaktionen von Menschen?

L.: Ja, ein paar Sprüche oder Beleidigungen wie z.B. „Geht mal arbeiten“ oder „Ihr links-grün versifften Ökos“, aber keine Handgreiflichkeiten. Eines der XR Prinzipien ist gewaltfreies Handeln und als Reaktion auf Angriffe suchen wir das offene Gespräch.

S.: Meistens verläuft alles sehr friedlich. Allerdings haben Menschen uns vor dem Abbau am Schluss die Kletterseile durchgeschnitten, was ziemlich heikel für uns war.

8a:   Die Protestaktion im Steinhausener Wald Halle wurde unter anderem von „extinction rebellion“ Bielefeld vertreten. Wie seid Ihr zu der Gruppe gekommen?

L.: Ich wurde von Sophie darauf aufmerksam gemacht und bin auch über sie der Ortsgruppe Bielefeld beigetreten. Ich hab mich informiert und dafür begeistert. Ich las das Hand-Buch “Wann wenn nicht wir*“ von extinction rebellion, unter anderem ein Ratgeber für Protestaktionen und zivilen Ungehorsam, das fand ich sehr interessant.

8a:   Wie lief die Baumbesetzung ab? Gibt es einen Chef/ eine Chefin, der/die alles leitet?

L.: Nein, gibt es nicht. Jede und jeder macht so viel sie oder er kann, die Arbeit wird aufgeteilt und wir entscheiden nach Konsens. Es gibt keine Hierarchie, das ist eins der Prinzipien von extinction rebellion.

S.: Es lief so ab, dass wir um 4.30 Uhr aufgestanden sind und mit 10-15 Leuten in die Bäume geklettert sind, da vormittags die Zeit war, wo eine Fällung stattfände. Deutlich mehr Menschen blieben am Boden. Wir haben uns dann bis nachmittags dort aufgehalten, an verschiedenen Strukturen wie Paletten oder Traversen gearbeitet, Gespräche geführt, bis die Gefahr vorbei war. Nachts habe ich im Auto geschlafen. Insgesamt waren wir eine Woche zur Besetzung und eine Woche zum Abbau vor Ort.

8a:  Wie und was habt ihr gegessen, wo habt ihr euch gewaschen und seid ihr auf Toilette gegangen?

S.: Es gab viele Menschen, die uns warmes Essen gebracht haben, eine Anwohnerin hat uns Dusche und Toilette zur Verfügung gestellt und auch Schlafmöglichkeit in der Scheune. Auf den Bäumen wurden über Nacht Eimer mitgenommen.

L.: Bei größeren Aktionen, wie z.B. bei der Besetzung im Dannenröder Forst, werden vor allem Sägespäne-Toiletten gebaut. Wie gesagt, es gab jede Menge Unterstützer*innen vor Ort, ground-support, was enorm wichtig ist bei solchen Aktionen.

8a:   Waren auch Kinder dabei?

L:. Ja, sogar schon Vierjährige, die in den Bäumen rumgeklettert sind.  Ihnen musste gar nicht groĂź erklärt werden, worum es geht. Sie waren sehr naturverbunden.

8a:  Hattet ihr auch Angst?

S.: Angst direkt nicht, höchstens vor Menschen, die mitten in der Nacht die Kletterseile durchschneiden oder Bäume fällen.

L.: Es war aufregend, emotional sehr bewegend. Angst würde ich das nicht nennen, eher Ungewissheit. Wenn die Polizei käme um zu räumen, hätte ich schon Angst.

8a:   Habt ihr keine Angst vor den rechtlichen Konsequenzen, die auf euch zukommen könnten?

S.: Nein. Wir sind gut aufgeklärt, ob und wie wir uns strafbar machen. Wenn überhaupt, bekommen wir eine Geldstrafe, welche aber durch ein Spendenkonto bezahlt werden könnte. Wenn’s schlecht läuft, muss man es selbst bezahlen, soweit ist es aber noch nicht gekommen.

8a:   Gibt es Momente, in denen Ihr es bereut, Aktivistin zu sein?

L.: Hm…höchstens, wenn ich bei Kälte auf dem Boden sitze. Mein Motto ist, nichts im Leben zu bereuen sondern zu lernen.

S.: Nein.

8a:    Was ist fĂĽr die Zukunft bezĂĽglich des Storck-Waldes in Halle geplant?

L.: Steht alles noch offen. Jetzt ist die Rodungs-Saison erstmal beendet, und wenn sie im Oktober wieder beginnt, werden wir wieder da sein!

8a:   Habt Ihr Tipps, wie wir dem Klimaschutz und Bewegungen wie XR helfen könnten, wenn man nicht an Protestaktionen teilnehmen möchte?

S.: Sich gut informieren, seinen Freund*innen davon erzählen, Aktionen auf social media teilen.

L.: Genau, eignet euch Wissen an und haltet euch auf dem Laufenden.

8a: Liebe Lea, liebe Sophie. Wir danken euch für das gute Gespräch.

L und S.: Wir danken euch für die tollen Fragen und die Möglichkeit!