Donnerstag, 01.07.21
Alter: 29 Tage
Kategorie: Allgemeines

Lyrikprojekt: HeimatgefĂĽhl und Fremdheitserfahrungen

Wer ist nicht gerne auf Reisen? Wen packt gerade jetzt, während der Pandemie, nicht das Gefühl von Fernweh, die Sehnsucht danach, neue Orte und Kulturen zu entdecken? Dass „Unterwegssein“ aber nicht immer freiwillig passiert und in vielen Fällen mit Flucht, Traumata und Heimatverlust einhergeht, war und ist für viele Menschen unserer Gesellschaft ebenfalls ein reales Phänomen.


Das Gedicht „ZurĂĽckgeblieben“ (2018) vom syrischen Dichter Ramy Al-Asheq, welches die SchĂĽler*innen der Q1 im Grundkurs Deutsch von Sebastian Heile und in Zusammenarbeit mit der Lehramtsanwärterin Sandra Aras im Rahmen der Unterrichtsreihe zum Thema „Unterwegssein in der Lyrik“ analysiert haben, lieĂź die SchĂĽler*innen nicht unbeteiligt. Das lyrische Ich schildert in dem Gedicht auf einprägsame Weise, wie es seine Ankunft in Deutschland wahrnimmt. Die Erfahrungen des lyrischen Sprechers reichen dabei von ĂĽbermäßig bĂĽrokratischen Anforderungen bis hin zu täglichen Vorurteilen bezĂĽglich seines Herkunftslandes von Seiten der MitbĂĽrger*innen. (Das Gedicht finden Sie unten auf dieser Seite.) 

Unter Einbezug der persönlichen Auseinandersetzung mit dem Heimatbegriff haben die SchĂĽler*innen im Anschluss auf die im Gedicht formulierte Frage: „Was wisst ihr schon von SchuldgefĂĽhlen?“ ein Kontrastgedicht oder ein Antwortgedicht formuliert. Die Gedichte der SchĂĽler*innen zeigen eine reflektierte Auseinandersetzung mit der Thematik.  

Eine kleine Auswahl der Gedichte kann nachfolgende nachgelesen werden:

Antwortgedicht zu ZurĂĽckbleiben („Was wisst ihr schon vom SchuldgefĂĽhl?“) â€“  

Ramy Al-Asheq  

Marina Schwenke 

Was weiĂź ich schon vom SchuldgefĂĽhl? 

Einiges, aber eigentlich doch nichts. 

 

Ich kenne meine Schuld, 

Ich kenne meine GefĂĽhle, 

Aber kenne ich deine SchuldgefĂĽhle? 

 

Du bist nicht ich 

Und ich nicht du! 

Du kannst mir erzählen, 

was du fĂĽhlst, 

Ich höre zu! 

 

Obwohl ich nicht fĂĽhle, was du fĂĽhlst, 

FĂĽhle ich mit dir. 

Was weiĂź ich schon vom SchuldgefĂĽhl? 

Einiges, aber eigentlich doch nichts. 

 

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Antwortgedicht zu ZurĂĽckbleiben („Was wisst ihr schon vom SchuldgefĂĽhl?“) â€“  

Ramy Al-Asheq  

Laurent Hils 

Krieg mit unseren Waffen gefĂĽhrt 

Deutsche Panzer gegen deutsche Gewehre 

In fremden Ländern und deren Soldaten 

Bewusstsein ĂĽber Vergangenheit 

Unbewusstsein ĂĽber Gegenwart 

Herziehen ĂĽber Krieg 

UnterstĂĽtzen von Krieg 

Informieren und handeln, 

nicht nur reden, auch bewegen! 

 

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Antwortgedicht zu ZurĂĽckbleiben („Was wisst ihr schon vom SchuldgefĂĽhl?“) â€“  

Ramy Al-Asheq  

Arplin Keriakos 

 

Was wisst ihr schon vom SchuldgefĂĽhl? 
Von denen, die nach einer sicheren Zukunft strebten,  

aber dafĂĽr gesteinigt wurden. 
Oder vom Kind, das seine Mutter verlor,  

weil sie es vor feindlichen Kugeln beschĂĽtzte. 
Oder von diesem verträumten jungen Mann,  

der seine Freunde ĂĽberredete nach Europa zu flĂĽchten,  

jedoch als einziger ĂĽberlebte.  
 
Verfolgung, Vertreibung, VersĂĽndigung... 
Warum? Wieso? Weshalb? 
All das, weil man den Sonnenstrahl  

hinter den dunklen Regenwolken genieĂźen wollte.  
 
Sie sagten mir, ich solle alles hinter mir lassen  

und ein neues Kapitel im Leben beginnen. 
Wo soll ich anfangen? 
Warum soll ich anfangen? 
Habe ich das Recht neu anzufangen? 
Darf ich die Personen ĂĽberhaupt ignorieren,  

die ihr Leben fĂĽr die eigene Heimat riskierten? 
Oder die Opferung derjenigen,  

die uns das Leben gaben und fĂĽr uns starben? 
Oder den Verlust eines jungen Mannes,  

der zu Nahrung fĂĽr Fische und Vögel wurde?  
 
Meine Seele so verloren.  
Mein Leib so zerstochen.  
Mein Leid so verborgen. 
Haben wir nicht ĂĽberlebt,  

um die Schmerzen in uns zu tragen? 
Einige Wunden heilen nicht,  

damit wir uns daran erinnern,  

was oder wo wir waren.  
 
Nun bin ich auf die Antwort gestoĂźen... 
Ja das ist die göttliche Gerechtigkeit  
Wir, die Bösen, haben unsere Lieben auf dem Weg  

zu ErfĂĽllung unserer Träume verloren,  

wie Gilgamesch seinen treuen Freund Enkidu verlor. 
Aber der Unterschied zwischen Gilgamesch und uns besteht darin,  

dass die Geschichte unsere Namen nicht verewigen wird,  

sondern in Vergessenheit geraten lässt. 

 

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Kontrastgedicht zu â€žZurĂĽckbleiben“ â€“  

Ramy Al-Asheq 

Sarah Knitter 

 

Da bin ich also. Der Ort erscheint mir wie ein neues Zuhause. 

Die Gesichter wirken ehrlich 

Die Städte wie aus meinem Traum 

Als wären sie Wirklichkeit geworden. 

Ich schlafe in meinem neuen Bett, 

kann mich in Ruhe mit meinen Sorgen beschäftigen 

und meinen Körper die Erinnerung spĂĽren lassen. 

Die Zeit vergeht, 

als wäre ich in einem langen Traum, 

dem zu entkommen ein Alptraum wurde. 

 

Alles intendiert, dass man sich nicht sorgen muss. 

Leben. Freuen. WohlfĂĽhlen. 

Lernen. Schlafen. Essen. 

Leben. Lernen. 

Du bist jetzt hier. Du kannst in Ruhe leben. 

Du bist jetzt hier. Du willst in Ruhe leben. 

Du bist jetzt hier. Unsere Hilfe bei dir. 

Bei uns in Deutschland. 

Miteinander. Miteinander. Miteinander. Geborgen. Geborgen. GlĂĽck. 

Du kannst in Ruhe leben. 

Geht nie in euer Land zurĂĽck. 

Du bist jetzt hier. 

Freunde. Ankommen. Teilen. Ich-Zeit. Liebe. Hilfe. Ruhe. GlĂĽck. 

Du bist jetzt hier. Miteinander. Willkommenskultur. 

Geht nie in euer Land zurĂĽck. Angekommen. 

Alles intendiert, dass man sich nicht sorgen muss. 

Leben. Miteinander. Lernen. 

Ich bin hier. Ich bleibe hier. 

Ich bin hier. Ich bleibe hier. 

Ich bin hier – bleibe hier!